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Harry und ich

The Times <London>, 30. Juni 2000

Depressionen, Ruhm und Hollywood - nach 30 Millionen Büchern und 15 Millionen £ öffnet sich die einsiedlerische J. K. Rowling. Ein Exklusiv-Interview von Ann Treneman.

Joanne Kathleen Rowling macht keine halben Sachen. Monatelang hat sie nur geschrieben und geschrieben - bis zu zehn Stunden pro Tag, um ihr viertes Harry-Potter-Buch zu beenden. Nun ist sie im "Erholungs-Modus" und gibt ihr erstes Interview seit langer Zeit. Ich sage ihr, dass ich gehört habe, sie sei eine Einsiedlerin geworden und sie Interviews hasse. Sie wirft mir einen Blick zu, als wenn sie sagen wolle 'Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen'. Dann stürzt sie sich in das Interview, als wenn der Teufel hinter ihr her wäre.

Sie redet so schnell, dass es nur möglich scheint, wenn sie dabei auf das Atmen verzichten könnte. Nur bei einer Marlboro Light inhaliert sie. Sie behauptet, dies sollte ihr Nicht-Raucher-Tag sein. Ich bin nicht sicher, wie das mit fünf Zigaretten in zwei Stunden in Einklang zu bringen ist. Sie ist aufgedreht, durcheinander, ernst und lustig zugleich. "Wir sind überall gewesen!", sagt sie am Ende. "Wir haben Schmuck behandelt, wir haben Depressionen abgehandelt." Sie lacht und und stößt Qualm in die Luft. Offensichtlich ist die Einsiedler-Phase vorüber.

Wir haben uns einmal zuvor getroffen, vor zwei Jahren, als sie 32 Jahre war. Weder sie noch Harry waren damals berühmt und wir saßen an einem langen imposanten Tisch in der Bibliothek des Bloomsbury-Verlages in Central-London während ihre vierjährige Tochter Jessica mit einer Herkules-Puppe spielte und verlangte, aufs Klo gebracht zu werden.

Rowling war erregt, dass Harry Potter sich 30 000 Mal verkauft hatte. "Ich habe nie geträumt, dass dies passieren würde. Meine realistische Seite hat mir nur erlaubt zu denken, dass ich vielleicht eine gute Kritik in einer nationalen Zeitung bekomme. Das war meine Idee des Gipfels."

Nun, es gibt Gipfel und es gibt den Himalaja und seit zwei Jahren ist Rowling mit den Sherpas viel unterwegs gewesen. Die Harry-Potter-Bücher haben sich weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkauft und sind in 31 Sprachen übersetzt worden. Sie standen 98 Wochen auf der New York Times Bestseller-Liste und in Großbritannien besetzten sie im letzten Jahr drei der fünf Top-Five-Plätze. Harry war auf dem Cover der Time und Rowling ist des Plagiats beschuldigt worden, immer ein Anzeichen, dass man es geschafft hat. Und da gibt es den Film, was bedeutet, dass sie wirklich dieser Tage in Hollywood Lunch essen wird. Am nächsten Samstag erscheint ihr viertes Buch, Harry Potter and the goblet of fire, das mit seinen 640 Seiten eines der dicksten Kinderbücher aller Zeit ist.

Erschöpft? Nun, Sie wären es, wenn Sie Zeuge der Verhandlungen zwischen Bloomsbury und meinen Chefs für dieses Interview gewesen wären. In der Tat, es gibt Anzeichen, dass Rowling recht vornehm geworden wäre. Sie nun eine von den Personen sei, die Leute haben, wie in "meine Leute werden mit Ihren Leuten sprechen". Und das Gerücht sagte, dass sie eine "kleine Madame" geworden sei. Natürlich ist sie Stoff für die Zeitschriften; jeden zweiten Tag steht etwas über sie in den Zeitungen.

So erwartete ich, dass sie in dem Hotel in Edinburgh zum Interview zumindest mit einer kleinen Begleitung erscheinen würde, wenn nicht mit dunklen Gläsern und einem Schoßhund. In der Tat ging ich ins Foyer, um genau nach einer solchen Person zu suchen, nur um jemand anderen zu stolpern. Sie war klein (1,62 m) und grinste. Bei näherer Betrachtung war es Rowling. "Es ist das Haar", sagt sie. Tatsächlich, das Haar, das lang und dunkel war, ist kürzer und heller. Aber es ist nicht das Haar. Es ist die Tatsache, dass sie nicht die polierte Glätte der Reichen und Berühmten angenommen hat. Kurz gesagt, und das ist nicht verletzend gemeint, nur informativ - sie sieht aus wie eine von uns.

Joanne Rowling beherrscht nicht den Small Talk. In der Tat, besteht die Möglichkeit, das sie dafür unfähig ist. Innerhalb von Minuten nachdem man sich gesetzt hat, spricht sie von Tod und Schicksal. Sie ist gefühlsbetont und lebhaft, und man muss sich wirklich konzentrieren, mit ihr Schritt zu halten. Ich versuche, eine schlagfertige Antwort zu finden, gebe es aber nach einer Weile auf.

Vielleicht liegt darin das Problem, dass alle meinen, dass Rowlings Leben einem Märchen gleicht und in vieler Hinsicht, stimmt das. 1993 war sie tatsächlichen eine arme allein erziehende Mutter, die ihren Ehemann in Portugal verlassen hatte. Sie schrieb wirklich viel von Harry Potter in einem Café in Edinburgh während sie einen Espresso (mindest zwei Stunden lang) trank und Jessica in ihrem Kinderwagen schlief. Sie sandte es wirklich einem Agenten, der "Ja, danke" sagte. Und nun, natürlich, ist sie reich und berühmt und in den Himalajas.

Doch Rowling konzentriert sich nicht auf das Märchen, sondern auf das, was unmittelbar bevor geschah. Die Tatsache, dass sie ernste Depressionen hatte und verzweifelt knapp bei Kasse war und dabei war, Faktoren für sich zu bestimmen. Sie ist sich bewusst, dass ohne die gescheiterte Ehe 1993 es keine Jessica und möglicherweise kein Harry gäbe. Das Leben ist nicht ordentlich verpackt, sage ich und sie spinnt das weiter. "Die Menschen wollen das Leben ordentlich. Das stimmt unzweifelhaft. Aber Sie kennen die vier großen Wahrheiten des Buddha: die erste ist 'Das Leben ist Leiden'. Ich liebe das. ICH LIEBE DAS. Denn ich denke JA. Das Leben ist nicht nett gemeint. Und das ist ein Trost. Es ist ein Trost für alle von uns, die etwas durcheinander gebracht haben. Und dann findest du deinen Weg zurück, merkwürdigerweise. Und ich bin sicher, dass ich wieder etwas durcheinanderbringen werde zu irgendeinem Zeitpunkt - obwohl, hoffe ich, nicht so gewaltig."

Kann sie glauben, was ihr geschah? Wacht sie je auf und sagt sich 'Ich kann es nicht glauben'?

"Sehr oft jeden Morgen."

Nun, sage ich (und betone dieses Wort) es IST unglaublich. "Hmm, es ist über das Ziel hinausgeschossen. Ich erinnere mich, dass ich während Buch zwei dachte, dass wir den Sättigungspunkt erreicht hätten, aber dann mit dem nächsten "The prisoner of Azkaban" ist alles explodiert. Ich meine explodiert. Ich konnte es nicht glauben. Ich konnte es nicht."
Was meint sie? "Nun, ich meine, es war in den Neun Uhr Nachrichten! Nennen Sie mich naiv, aber das war alles andere, als ich erwartet hatte. Und dann Zeitungen, die ungenannt bleiben sollen, begannen, an meiner Tür zu hämmern. Ich hatte nie erwartet, vor meiner Haustür belagert zu werden. Es passierte immer wieder und ich hasste es. Und dann begannen Dinge in der Presse zu erscheinen, die nicht wahr sind. Und dann beginnst du einen Geschmack dafür zu bekommen, was solchen Menschen passiert, die ich immer für normale berühmte Leute halten würde.

Sie sagt, dass sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis sie ihren Ex-Mann gefunden hätten, einen Journalisten, den sie in Portugal getroffen hatte, während sie dort Englisch unterrichte. "Ich heiratete am 16. Oktober 1992. Ich verließ ihn am 17. November 1993. Das war also die Dauer dessen, was ich für eine Ehe gehalten hatte." Und was genau geschah? "I spreche nie darüber. Aber man verlässt natürlich nicht eine Ehe nach so kurzer Zeit, wenn es nicht schwerwiegende Probleme gäbe. Ich bin nicht die Art von Mensch, der ohne dass es schwerwiegende Probleme gäbe, aussteigt. Meine Beziehung davor dauerte sieben Jahre. Ich bin eine langfristig ausgerichtete Frau. Und ich hatte mit diesem Mann ein Baby. Aber es hat nicht funktioniert. Und es war mir klar, dass es Zeit war zu gehen und so ging ich. Ich habe es nie bedauert. Es war mir klar, dass sie es auf ihn abgesehen hatten und das hatten sie."

So, wer genau sind 'sie'? Rowling, die nie einen Satz sagt, wenn es auch 25 tun, beginnt mit Freude eine Geschichte. "OK, ich sage es Ihnen. An dem Sonntag, an dem dieses Interview erschien, hatte ich keine Ahnung, was geschehen war. Das Telefon läutete am Vormittag und dran war ein Freund. Er sagte: 'Bist du OK?' Ich sagte 'Mir geht's gut, wie geht's dir? Er sagte 'Oh, dir geht geht also gut?'

"Er sprach mit mir, als wenn ich gerade eine größere Operation überstanden hätte. Also sagte ich 'Sollte es mir nicht gut gehen'? "Dann sagte er 'Oh men Gott, du weißt es nicht'." Sie sagt, dass er alles versuchte, um vom Telefon zu kommen. "Schließlich erzählte er es mir doch und alles was mir einfiel zu sagen war 'Wie kommst du dazu, die "Mail on Sunday" zu lesen!?' Das brachte ihn total aus dem Konzept. Er brachte hervor 'Oh, jemand hat sie im Café zurück gelassen!' Was auch immer, was kannst du tun? Es ist geschehen. Auf eine Art war es eine Erleichterung. Ich wusste, es würde geschehen. Wenn es einmal geschehen ist, ist es geschehen."

Aber es nicht wirklich so einfach. Rowling sagt, dass sie nicht länger liest, was über sie geschrieben wird, obwohl ich nicht sicher bin, ob ich ihr glaube. Ein Freund überzeugte sie letztes Jahr etwas zu lesen, weil er meinte, sie würde darüber lachen könne. "Darin stand, ich sei aufbrausend, gereizt, paranoid meine Privatsphäre zu schützen und nie Interviews geben wolle, weil der Erfolg mich in eine Art von Howard Hughes Figur verwandelt hätte."

Ich prüfe ihre Fingernägel. Nicht lang genug, sage ich. "Also es war nicht Howard Hughes. Es war mehr wie die Antwort der Kinderliteratur auf Salinger. Wissen Sie, 'Darling, ich möchte mit meiner Kunst in Ruhe gelassen werden!' Und ich musste lachen. Ich muss lachen, weil ich Tag für Tag ein ungemein normales Leben führe in Bezug was ich tue und wohin ich gehe. Sehr profan."

Profan? Aber sie ist nun eine Menge Geld wert. (Das Magazin "Forbes" hat sie auf der Liste der Reichen mit 15 Millionen Pfund gesetzt).

"Ja, ich habe mehr Geld verdient als ich je geträumt hätte. Großartig! Ich habe aufgehört, mir um Geld Sorgen zu machen. Einige Jahre lang habe ich mir echt um Geld Sorgen gemacht. Ich lebte damit, als wäre es eine Person, die mit mir lebt."

Aber, frage ich, wollen sie sich nicht etwas kaufen, so etwas wie eine Jacht. Das lässt sie laut auflachen. Rowling sagt, dass sie wie ein Mädchen gerne einkauft. Dann schaut sie auf ihre Jeans. "Ich habe gesehen, dass sie auf meine Jeans geschaut haben und gedacht haben 'Warum gehst du nicht shoppen!" Aber, insistiere ich, die meisten Leute in ihrer Position, hätten sich etwas geleistet.

Dann, plötzlich, weicht sie von ihrem Skript über dieses Thema (Ich weiß das, weil sie das so ankündigt) ab und legt mit einer anderen Geschichte los. "OK, es war ungefähr eine Woche nachdem mein Ex-Mann seine Geschichte verkauft hat. Dann war da eine Geschichte, die total erfunden war. Niemand hatte vorher einen völlig erfundenen Artikel gedruckt. Ich weiß, ich weiß, aber ich bin völlig neu in diesem Geschäft, wissen sie? Wenn diese Geschichte nicht in der Woche davor erschienen wäre, bin ich sicher, dass ich gedacht hätte "OK, du kannst Lügen über mich verbreiten, aber ich weiß, dass es nicht wahr ist." Aber ich war ein einem geschwächten Zustand."

Sie waren verwundbar, sage ich.

"Ich war SEHR verwundbar zu dieser Zeit. Dann, wie gewöhnlich, ist das schlimmste Anzeichen, dass ich aufgeregt bin und es passiert wirklich nicht so oft, dass ich nicht schreiben konnte. Ich ging an diesem Tag aus, in der Absicht zu schreiben. Ich ging in ein Café und saß dort und kritzelte nur, ich konnte es nicht tun. Das machte mich noch deprimierter. Ich dachte, nun haben sie das attackiert, was wirklich konstant war. Jetzt kann ich nicht schreiben! Großartig! So ging ich die Princes Street herunter und dachte 'Was soll ich tun?' und dachte ich nur 'Ich weiß, ich werde werde eine Menge Geld ausgeben für etwas, was ich wirklich will'. Ich ging in ein Juweliergeschäft und kaufte diesen Ring. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas kaufte, dass teuer war ohne nach dem Preis zu fragen. Ich glaube, der Juwelier glaubte, ich sei verrückt."

Ich stelle die naheliegende Frage: Diamanten?

"Aquamarin", sagt sie mit Genugtuung. "Ein großer. Ich ließ ihn ändern und als ich ihn zurück bekam sagte ich 'Das ist mein Schwurring, mein Niemand-drückt-mich-runter-Ring.' Ein Freund sagte 'Machen wir uns nichts vor, du könntest jemanden damit eine höllische Narbe verpassen, wenn du ihn triffst. Es ist wirklich ein Schlagring'."

Joanne Rowling wurde im Chipping Sodbury General Hospital im Juli 1965 geboren. Ihr Vater war Technik-Lehrling bei Rolls-Royce und arbeitete an Flugzeug-Motoren, ihr Mutter war halb Französin, halb Schottin. Ihre Eltern lernen sich im Alter von 19 in einem Zug, der von King's Cross abfuhr - Rowling behauptet, dass King's Cross der romantischste Bahnhof der Welt ist - und heirateten mit 20. Rowling wurde neun Monate später geboren und dann kam ihre Schwester Di. Sie lebten in Yate, außerhalb von Bristol und dann in Winterbourne - es war hier, in einer Straße mit Doppelhäusern, wo sie vier Türen entfernt von den Potters lebte. Sie stahl ihren Namen, so wie sie so viele anderen gestohlen hat, weil sie eine diebische Wort-Elster ist. Sie liebt besonders merkwürdige Namen. Chipping Sodbury lässt sie vor Lachen glucksen und es kann nicht das erste Mal gewesen sein, dass sie es gesagt hat. Später, während wie eine Aufnahme von ihr im Royal Botanic Garden in Edinbrugh machen, ist sie aufgeregt, ein Pflanze mit dem Namen Bogbean zu finden. 

Es ist unmöglich, mit Rowling über ihre Kindheit zu reden, ohne über Harry Potter und sein Leben in der Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, zu sprechen. Teilweise weil sie Teile ihrer Vergangenheit geplündert hat und sie Harry und seinen Freunden, Hermoine und Ron gegeben hat. Aber teilweise auch, weil Rowling viel Zeit in Harrys Welt verbringt und sie für sie real ist. Jeder Charakter hat einen Familienstammbau, eine Psyche, sogar Nahrungsbedürfnisse. Sie hat alles unter Kontrolle, sie kennt daher ihre Zukunft, aber verrät nicht viel. Sie liebt Geheimnisse. Sie kam auf die Idee für Harry Potter in einem verspäteten Zug und wusste vom Beginn, dass es sieben Bücher geben würde - eines für jedes Jahr, das er im Internat verbringt. Und sie schreib das letzte Kapitel von Buch sieben vor Jahren. Es hing ewig im Haus, bevor ihr klar wurde, dass es an einem sicheren Ort verwart werden müsse. Wo? In einer Bank? "Nein, sicherer als das."

Der Charakter von Hermoine ist Rowling als junges Mädchen. Fleißig, ein Bücherwurm, ein Angsthase. Rowling sagt, dass sie eine schreckliche Streberin war: mit Kassengestell und ganz kurzem Haar. Sie behauptet, dass sie später etwas lockerer geworden ist, aber ich bin mir da nicht so sicher. Manchmal während des Interviews ist sie genauso ernst, besonders bei ihrer Arbeit. Sie verteidigt Hermoine auch sehr heftig. "Mein amerikanischer Verleger sagt, ich sei gemein zu ihr, weil sie ich ist. Aber ich denke nicht, dass ich gemein zu ihr bin. Ich liebe sie sehr."

Aber, sage ich, Hermoine bemüht sich so sehr. In "Harry Potter und der Gefangene von Azkaban", zum Beispiel, schaut sie in den Spiegel, der das widerspiegelt, was man am meisten fürchtet und sieht einen Lehrer, der ihr sagt, dass sie durch ihre Prüfungen gefallen ist. "Ich verstehe, wo das her kommt. Es kommt davon, dass du dich selbst für schlicht hältst, und glaubst, dass du für nichts anderes zu gebrauchen bist, so musst du etwas erreichen. Ich verstehe Hermoine vollkommen und ich liebe sie wirklich und will sie nicht beschreiben als hochsensible kleine ... "

Sie bricht ab und murmelt. "Es irritiert mich. Es irritiert mich. Was mich irritiert, dass ich fortwährend, immer öfter gebeten werde 'Können wir bitte einen starken weiblichen Charakter haben?" So wie man Pommes Frites als Beilage bestellt. Ich denke 'Ist Hermoine nicht stark genug für dich?' Sie ist die Klügste von den Dreien und sie brauchen sie. Harry braucht sie unbedingt.

"Aber mein Held ist ein Junge und in seinem Alter zählen Mädchen nicht so. Allmählich zählen sie. Aber mit 11 Jahren, denke ich, es wäre extrem gekünstelt, ein paar quirlige, hinreißende, Matheasse-Mädchen, die gut im Auto-Reparieren sind, ins Spiel zu bringen."

Das ist die Art von Rede, die einen applaudieren lässt und, wirklich, denke ich hier nicht, dass Rowling nur zu mir sprach. Hat es also Druck von den Filmleuten gegeben, die Charaktere zu ändern? Sie amerikanischer zu machen? Sie etwas, nun, nur etwas quirliger zu machen?

"Im Moment tun sie es nicht, ganz ehrlich. Vielleicht taten sie es am Anfang, aber dann sahen sie die Popularität der Bücher, so wie sie sind. Im Moment gibt man mir einen gewaltigen Einfluss. Es wird in Großbritannien gefilmt, mit einer vollständigen britischen Besetzung."

Hat sie darauf bestanden?

"Nun, ich habe laute Geräusche gemacht."

Christopher Columbus wird Regisseur sein und zieht für den Auftrag mit der Familie um. Aber Steven Spielberg war zu einem Zeitpunkt auch beteiligt. Hatte sie eine Auseinandersetzung mit Spielberg?

"Nein."

Hat sie mit ihm gesprochen?

"Ich habe mit Steven Spielberg gesprochen. Hatte ich einen Streit mit ihm? Nein, hatte ich definitiv nicht. Ich habe das in einem Artikel gelesen und war verwirrt. Es gab Dinge, die er sagte, mit denen ich nicht übereinstimmte, es gab Dinge, denen ich zustimmte. Lassen Sie es mich so formulieren: Ich bin glücklich mit dem Regisseur, den wir haben."

So, wie steht es mit dem Merchandising? Können wir kleine Harry-Potter-Puppen in Zukunft erwarten? Rowling sieht gequält aus. "Nun, igitt. Warner Brothers wissen sehr gut, dass das das Gebiet ist, wo ich sehr empfindlich und besorgt bin. Ich kann es nicht verleugnen."

Sie mag die Vorstellung von Spielen oder von Kostümen, aber ich dachte eher an die Plastikfiguren, die bei McDonald's Happy Meals dabei sind. "Wir müssen ehrlich darüber sein. Die Leute fragen mich, ob es Merchandising geben wird. Nun, nennen Sie mir einen Kinderfilm, bei dem des das nicht gab. Das ist vorgegeben. So arbeitet eine Film-Company, die Geld verdient."

Aber Kinder wollen auch etwas haben, mit dem sie spielen können, sage ich. "Die brutale Wahrheit ist, das stimmt, ja. Aber sie wollen am meisten die Bücher und sie wollten die Bücher zuerst. Deshalb sollten wir vielleicht daran festhalten und das machen, was wir können, um sicher zu gehen, das der Film so nahe an den Büchern ist wie möglich."

Mussten Sie also zu irgendeinem Zeitpunkt auf ihrem Standpunkt beharren? Rowlings Stimme wird weich. "Ich musste die ganze Zeit auf meinem Standpunkt beharren." Und dann lacht sie.

Die Rowlings (ausgesprochen Rolling, wie Rolling pin) zogen nach Chepstow um, als Joanne neun war. Sie ging in die lokale Gesamtschule und ihr Hauptziel - und es war das einzige, das zählte, war, dort rauszukommen.

Aber, sage ich, Sie können es nicht zu sehr gehasst haben: Sie waren Schulsprecherin. "Ja, aber Sie kennen nicht die Gesamtschulen. Glauben Sie mir. Es war, als wenn man als diejenige gewählt würde, die am wenigsten wahrscheinlich ins Gefängnis geht." Rowling machte ordnungsgemäß ihr Abitur in Französisch, Deutsch und Englisch und ging zur Exeter- Universität. Anschließend verrichtete sie eine Reihe von Sekretariatsjobs - ehr schlecht (zumindest sagt sie es so). Einer war bei einem Verleger, wo sie Absagen herausschicken musste.

Das einzige, was sie wirklich tun wollte, war Schreiben. Sie war schon immer ein heimlicher Schreiberling gewesen - ihre erste Geschichte - mit dem Titel Rabbit (Kaninchen) schrieb sie im Alter von sechs - aber sie beendete nie etwas. Sie begann das Schreiben mit dem ersten Harry-Potter-Buch im Jahr 1990. Zu der Zeit hatte sie Arbeit, war glücklich in einer langfristigen Beziehung und lebte in London. Dann starb ihre Mutter an Multiple Sklerose im Alter von 45 und plötzlich schlug Rowlings Leben die falsche Bahn ein. Ehe sie es richtig bemerkte. war sie arm, eine allein erziehende Mutter in einer dreckigen, kalten Wohnung in Edinburgh mit nur zwei Freunden und nichts anderes zu tun, als zu schreiben.

Die Leute reden über die Harry-Potter-Bücher wie Zauberertricks, aber sie haben auch eine betont dunkele Seite. Die Dementors zum Beispiel sind Gefängniswächter, die Menschen verfolgen, indem sie ihre Emotionen fühlen. Sie setzen ihre Opfer außer Gefecht, indem sie ihre positiven Gedanken heraussaugen und mit einem Kuss können sie die Seele rauben, während der Körper noch am Leben bleibt.

Ich denke nicht, dass sie nur Figuren sind. Ich denke sie sind eine Beschreibung von Depressionen. "Ja, genau das sind sie, " sagt sie. "Es war ganz bewusst. Und ganz aus meiner eigenen Erfahrung heraus. Depression ist das Unangenehmste, was ich je in meinem Leben erlebt habe."

Was meint sie?

"Es ist die Unmöglichkeit sich vorzustellen, je wieder fröhlich sein zu können. Das Fehlen der Hoffnung. Das war ein betäubendes Gefühl, das so ganz anders ist, als das Gefühl der Traurigkeit. Traurigkeit tut weh, aber es ist ein gesundes Gefühl. Es ist ein notwendiges Gefühl. Depression ist ganz anders."

Nun, in "Harry Potter and the Goblet of fire", kommt auch der Tod zu uns. Die Identität der Leiche ist geheim bis nächsten Samstag, obwohl sie sagen will, dass es nicht der ist, um den wir uns sorgen [also nicht Ron].

"Ja, das ist das Buch, in dem die Todesfälle beginnen. Ich habe es immer so geplant. Es ist zu einer fixen Idee bei mir geworden. Ich muss unbedingt den Weg befolgen, wie ich es schreiben will und niemand bringt mich vom Kurs ab. Wenn es richtig gemacht ist, denke ich, wird es aufregend sein, aber nicht schädlich. Ich habe von Anfang an gesagt, dass, wenn man wirklich ehrlich böse Taten untersuchen will, dann hat man auch die moralische Verpflichtung, das Ganze zu nicht zu frisieren."

 Goblet of fire war eine Prüfung. Sie hatte die Hälfte geschrieben, als sie entdeckte, dass ein weites Loch im Plot war. Das war vorher nie vorgekommen. Rowling liebt es, sich Gedanken zu machen: wenn es nicht unmittelbar etwas gibt, worüber sie sich Gedanken machen muss, wird sie etwas erfinden.  Aber hier gab es wirklich etwas. "Es ist das zentrale Buch. Es nimmt eine Schlüsselstellung in jedem Sinn ein. Ich musste  es richtig machen."

An manchen Tagen schreib sie am Morgen, am Mittag und in der Nacht. Sie ist zufrieden mit dem Endergebnis. Aber, sage ich, 640 Seiten! Ich meine, das erste Buch hatte 223, das zweite 251 und das dritte 317. Es gerät alles etwas außer Hand. Rowlings schaut etwas verlegen. "Ich weiß. Ich war schockiert, als ich sah, wie lang es war."

Ihr alltägliches Lieben, wie sie es beschreibt, fehlt völlig der Glamour. Sie bringt Jessica zur Schule und verbringt den Morgen mit ihrem persönlichen Assistenten, all die "800 Sachen zu erledigen, die anfallen." Sie erhält eine gewaltige Menge an Briefen von Kindern. Alle werden beantwortet, einige von Hand. Am Nachmittag geht sie in ein Café zum Schreiben - zu Hause zu arbeiten ist bedrückend - und dann kehrt sie nach Hause zurück, um Tee zu machen. Den Abend verbringt sie damit, alles hinauszuschieben und im Haus herumzuwandern.

Harry Potter ist voll von wunderbaren Kreaturen: Eulen, die Post austragen, Katzen, die Lügen fühlen, Einhörner mit silbrigen Blut. Aber Rowling ist nicht so wild auf die eigenen. Das Meerschweinchen lebte einmal im Kindergarten ihrer Tochter. "Ich war der einzige Elternteil, der dumm genug war, zu sagen, dass wir ihm ein Heim geben. Dann, weil ich diese ernste Person bin, dachte ich, dass es nicht fair wäre, es allein zu halten. So kaufte ich dieses Kaninchen. Ich hatte mir vorgestellt, das es dieses niedliche flauschige kleine Ding bleibt. Nein, es ist bösartig. Absolut bösartig. Es wurde mir als Zwerg verkauft und nun ist es so groß wie ein Hase. Es ist pechschwarz. Es greift an."

"Ich hatte diese großen Kratzspuren auf meinem Handgelenk von ihn und ich gab ein Interview mit diesen Kratzspuren und ich dachte der Typ dachte: Nun bricht sie wirklich unter dem Druck zusammen. Und ich 'Nein, es ist das Kaninchen."

Entweder ist Joanne Rowling eine großartige Schauspielerin oder sie ist wirklich nicht der Krankheit der Berühmtheit erlegen. Ich warte darauf, dass ein Name fällt, aber er kommt nicht. Ich warte auf Anspielungen auf Geld, aber sie macht keine. Ihr Verleger mag vielleicht das Spiel der Geheimniskrämerei und Medienrummel, so gut es geht spielen, aber irgendwie gelingt es Rowling sich von dieser Verrücktheit fern zu halten. Sie sieht sich selbst als eine Schriftstellerin und für sie, ist es das Einzige zur Zeit. Und in Zukunft? Sie bekommt eine Menge Anfragen von Wohltätigkeitsorganisationen und sagt, dass sie versucht ist.

Rowling: "Das Problem ist, werden die Leute noch an mir interessiert sein, wenn ich mein Schreiben beendet habe? Bis Buch Sieben fertig ist, liegt meine Priorität auf den Bücher. An diesem Zeitpunkt werde ich ...

Ich: "Noch reicher und berühmter sein."

Rowling: "Das war nicht, was ich sagten wollte. Ich wollte sagen, zu diesem Zeitpunkt werde ich zurück in selige Unbekanntheit fallen."

Ich: "Das denke ich nicht."

Rowling: "Nun, ich denke es."

Ich: "Nein, nicht selige Unbekanntheit."

Rowling: "Nein, Sie wissen es nicht. Es wird so sein."

Sie hat unvermeintlich das letzte Wort, aber es kann nicht richtig sein.

Stand: 11.04.2007

 
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